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Carmen Bregy, Im Stillen umarmt

Leseprobe. Ich finde dich am Teich des Parks – ein schöner Zier- und Nutzgarten im französischen Gartenstil gebaut und mit einem barocken Landschlösschen, das heute ein Café beherbergt.

Nach den gestrigen Ereignissen verzichte ich ganz auf ein Begrüßungsritual und überfalle dich sogleich mit ungeschickt liebesschwangeren Worten, die wie ein einstudierter Monolog dein verlorenes Dasein in dieser wunderschönen Parkanlage grotesk unterstreichen.

„Es ist, als hätten sich unsere Herzen gegen den Rest der Welt verschworen. Ich habe dich gefunden. Damals. Vor so vielen Jahren. Und du mich. Nun sammelt sich diese Liebe nach einer dummen, unüberlegten Trennung wieder, ordnet sich ganz von selbst zu einem neuen Haus mit großen, Licht durchfluteten Zimmern. Vielleicht wäre das Leben einfacher. Ohne dieses Uns, das mich beseelt, erfüllt, mich lebendig macht. Immer noch. Vielleicht wäre ich weniger traurig im Moment, weniger angstvoll. Wer weiß. Du hast dich in meinem Herzen breitgemacht, hast dort darin dein Zelt aufgeschlagen. Und dann bist du weitergezogen. Ich bin stehen geblieben. Vor deinem Zelt. Gehe hinein und drücke alle Habseligkeiten, die du in der Eile vergessen hast, an mich. Verkrieche mich in den Eingeweiden meiner Erinnerungen. Und da möchte ich bleiben. Bis du wieder ganz und gar bei mir bist. Ich bin die Liebe deines Lebens. Das hast du selber gesagt. So oft haben wir uns das gesagt.“ Die letzten Worte klingen wütend und trotzig.

Du schweigst. Dein Schweigen umhüllt das dichte Geflecht meiner sterbensmüden Liebe. Dein Schweigen ist mächtig. Mit rauschenden Schwingen steigt es hoch hinauf und weg von den fluoreszierenden Nervenfasern meiner Worte.

Wie du da stehst. Dein offener Mund, dein trauriger, reumütiger Blick. Ich könnte dich verachten. Meine Liebe strahlt erhaben, immer noch. Du kannst ihr nichts anhaben. Frisch geborene, heiße Lava strömt mein Rückgrat hinauf, den Schutt der vergangenen Liebeswehen vor sich her schiebend, mit Getöse, Donner und Krach. Dein „Halt mich bitte“ überhöre ich fast.

Und dann bist du da. Ganz Atem in meinem sauerstoffarmen Herzen. Hältst mich. So wie früher. Die Seidengewänder der nahenden Nacht decken uns zu, gewähren uns Schutz. Es ist, als ob du dich wieder an uns erinnern würdest.

„Komm“, sage ich, „wir gehen.“

Du aber sagst: „Ich kann nicht.“

Und redest weiter. Ich sehe, wie sich dein Mund öffnet, schließt und wieder öffnet. Ich sehe dein Achselzucken, deine scharrenden Füße, deine Augen, die immer wieder durch den Park streifen. Ich verstehe kein Wort, das du sagst.

Dein Selbstgespräch will nicht enden. Irgendwann löst sich etwas aus mir heraus und geht auf dich zu. Es reißt dir das Herz aus deiner Brust. Mit bloßen Händen wringe ich es aus.

Kalbsherzen haben eine hellbraune Farbe und wiegen vierhundert bis sechshundert Gramm. Rinderherzen haben eine dunklere Farbe und wiegen bis zu 1,5 Kilogramm. Schweineherzen hingegen haben eine rotbraune Farbe und ein Gewicht von dreihundert bis vierhundert Gramm. Das menschliche Herz ist blass rosa, etwa faustgroß und besitzt bei Erwachsenen ein Gewicht von zirka dreihundert Gramm. Dein Herz aber hat weder mit einem Kalbs-, Rinder-, Schweine- oder Menschenherzen Ähnlichkeit. Es ist weiß und hart.

Ich klopfe es weich – so wie man Tintenfische an Steinen totschlägt.

Auszug aus: „Im Stillen umarmt“ von Carmen Bregy. Querverlag, Berlin, 2009.

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